Die Entstehungsgeschichte

Elvis Come Back

von Jo Barna


In Deutschland war das Leben zu Beginn der Sechziger kaum anders als in den Fünfzigern. Wirtschaftswunder und Winnetou waren angesagt, es wimmelte von Kindern, im Schwarz-Weiß-Fernsehen liefen amerikanische Serien und der VW-Käfer brachte uns nach Rimini. JFK faszinierte alle, aber als Beatles, Stones und Co Mitte des Jahrzehnts die Charts stürmten, sprach mein Vater von ‚Negermusik‘. Er liebte Heino, die Mutter und wir Kinder Dieter Thomas Hecks Hitparade. Doch war der Siegeszug der englischen Musik nicht aufzuhalten. Im Herbst 69 stand Elvis Presleys ‚In the ghetto‘ 13 Wochen lang auf Platz 1 der deutschen Charts und ich erinnere mich noch heute, wie mich der Song jedes Mal ergriff, wenn er im Radio erklang. 

 

1972 zerbrach die Ehe meiner Eltern und die Welt verdüsterte sich. Zwei Jahre später, mit 14, revolutionierte sich mein Musikgeschmack schlagartig. Als eines Abends im Radio '48 Crash' von Suzi Quatro ertönte war das, als hätte mich ein Tornado ins All geschleudert. Von nun an hießen die musikalischen Idole Uriah Heep, Deep Purple, Sweet, Middle oft the road, Beatles, Stones, Black Sabbath, Slade und T. Rex. Elvis gehörte nicht dazu. Der Superstar des verblichenen Rock’n’Roll-Zeitalters war längst out und als er 1977 starb, nahm ich kaum Notiz davon. Und so sollte es für mehr als ein Vierteljahrhundert bleiben...

 

Es geschah im Hardrock-Café von Playa del Ingles

Im Januar 2002 machte ich auf Gran Canaria Urlaub. Im Hardrock-Café von Playa del Ingles sang ein Elvis-Imitator ‚Suspicious minds‘, ‚It's now or never‘, ‚Love me tender‘ und ‚Are you lonesome tonight‘ und mich beschlich immer mehr das Gefühl, diese alten Lieder von irgendwoher zu kennen. Es war, als rührten sie an eine lange verschüttete Erinnerung. Je länger ich lauschte, desto mehr überwältigte mich eine sentimentale Stimmung. Und als der Sänger dann ‚In the ghetto‘ anstimmte, schossen mir plötzlich Tränen in die Augen und ich flüchtete auf die Toilette. Dort brachen alle Dämme, als ergösse sich das gesammelte Unglück meines Lebens in einem einzigen Sturzbach. 

Nach der durch die elterliche Scheidung belasteten Kindheit hatte sich bei mir die tiefe Sehnsucht nach einer eigenen Familie entwickelt. Anfang der Neunziger schien der Traum  erreicht, war ich verheiratet und Vater einer süßen kleinen Tochter. Doch als läge ein Fluch über meinem Leben, zerbrach diese Ehe nach nur drei Jahren, wobei auch noch der Kontakt zur geliebten Tochter beschädigt wurde. Und in der Seele war nach und nach ein Eisberg aus Schmerz, Wut und Verzweiflung herangewachsen. 

 

Nach dem aufwühlenden emotionalen Ausbruch im Hardrock-Café empfand ich erstmals innerlich ein wenig Erleichterung. So kam es, dass ich in den nachfolgenden Monaten das Tal der Tränen wieder und wieder durchwanderte und jedes Mal waren es die Lieder von Elvis Aaron Presley, die den Zugang öffneten und es ermöglichten, einen dringend notwendigen Trauerprozess zu durchlaufen. Trauer um die verlorene Mutter, die verlorene Tochter, die verlorenen Träume der Jugend. Und zugleich immer auch um ihn, der so früh und tragisch gegangen war und in dessen Liedern und Filmen ich in dieser schwierigen Zeit so viel Trost und Hoffnung finden konnte, dass er mir nicht nur als Wegbegleiter, sondern Bruder und Engel zugleich erschien.  

 

Heute weiß ich, dass mir diese zwei Jahre ermöglichten, wieder nach vorne zu schauen. Und dass es vor allem Elvis zu verdanken war, dass ich die schwierige Reise damals antreten und durchhalten konnte. Bruce Springsteen, dessen Musik mir ebenfalls, aber auf ganz andere Art und Weise geholfen hatte, erzählte auf seinen Konzerten in den Achtzigern oft die Geschichte, wie er nachts über die Mauern von ‚Graceland‘ geklettert war, um Elvis zu besuchen, und wie ihn der Wachtposten dann zurück auf die Straße befördert hatte. „It’s hard to understand, how someone, who took away so much loneliness, could die so lonely“, sagte er, bevor er zu einem inbrünstigen ‚Falling in love‘ ansetzte.

 

Auf den Spuren von Elvis Presley

Anfang 2005 war das Tal der Tränen durchwandert. In einer Stimmung der Dankbarkeit hörte ich eines Tages Melodiefetzen und Textzeilen im Kopf: "Elvis, won't you come back, to show us emotion..." Und da ich (wie er selbst) Noten weder lesen noch schreiben konnte, hielt ich die Bruchstücke auf einer Musikkassette fest. 

 

Im selben Jahr reiste ich in die USA und besuchte Memphis, die Wiege des Rock’n’Roll. Im kleinen ‚Sun-Studio‘ hatte Elvis 1954 „That’s allright mama“ geträllert, heiliger Boden der Musikgeschichte. In der legendären ‚Beale-Street‘, in der Elvis einst die Musik der Schwarzen in sich aufgesogen hatte, lauschte ich Blues-, Soul- und Jazzbands. Nach der Führung durch Graceland stand ich zehn Minuten lang tief bewegt alleine im Wohnzimmer des King, danach mit feucht werdenden Augen am Grab, wo Elvis-Clubs und -Fans aus aller Welt Kränze und Blumen niederlegt hatten. In den nachfolgenden Monaten nahm der Elvis-Song Gestalt an und wurde im April 2007 vom Hannoveraner Musikproduzenten Christian Demant produziert. Auch wenn es nur eine Demoaufnahme war, oberflächlich von mir selbst eingesungen, wurde die emotionale Tiefe des Songs hier erstmals spürbar.  

 

Auf der Suche nach einem Sänger begegnete mir im Juli 2009 Steven Morrys, der gerade sein erstes Album ‚Debüt‘ produzierte. Zu einer Zusammenarbeit kam es damals nicht, doch 2012 wurden wir Facebook-Freunde und sahen uns im Dezember 2016 wieder, um uns über die unsere musikalischen Erfahrungen auszutauschen. Als er erzählte, dass er eine Werbeagentur betreibe und seinen Song ‚Happy New Year‘ weltweit vermarktet habe, schlug ich spontan vor, dasselbe mit dem Elvis-Song zu versuchen. Welcher Zeitpunkt konnte passender sein, als der bevorstehende 40. Todestag? Steven und seine Freundin Christiane zögerten, hatten als Selbständige und Eltern dreier Kinder eigentlich keine Zeit dafür. Doch auch Steven hat eine Elvis-Vergangenheit und so siegten das Gefühl des Bauches und die durch selbigen hindurch gehende Liebe über den Verstand. 

 

Das Elvis Come Back-Projekt war geboren, nahm Fahrt auf und begab sich auf seine Reise hinaus in die große, weite Welt...